
Essays zum Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit
(Spektrum der Wissenschaft 3/2006)
Wissenschaft genießt in den Medien eine wachsende Aufmerksamkeit, zu erkennen an der Vielzahl der Magazine und Sendereihen, die rings um dieses Thema hervorsprießen. Auf der anderen Seite suchen die Wissenschaftler verstärkt den Kontakt zu den Medien, weil ihnen seit geraumer Zeit ein Wind der Veränderung ins Gesicht bläst.
Nach Ansicht von Peter Weingart, Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld, bröckeln die althergebrachten Züge des akademischen Stands. Konnten Naturforscher in vergangenen Zeiten in der Abgeschiedenheit ihrer Labore oder Denkerstuben relativ ungestört von der breiten Öffentlichkeit Neues ersinnen, fordert die demokratisch geprägte Gesellschaft nunmehr frühzeitig Rechtfertigung und Effizienz für jegliches Handeln, also auch für wissenschaftliches.
Unterstützung findet die Allgemeinheit in der Politik. So rief Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn noch kurz vor Ende ihrer Amtszeit die Wissenschaft zur Aussprache mit der breiten Masse auf und verwies ausdrücklich auf die Initiative "Wissenschaft im Dialog". Die Wissenschaft, so Weingart, orientiert sich daher zunehmend an den Medien. Sie sollen als Mittler und "Multiplikatoren" für den Gedankenaustausch dienen. Daher schmückt sich heute jede Festveranstaltung einer renommierten Forschungsorganisation mit telegenen Moderatoren wie Ranga Yogeshwar oder Joachim Bublath.
Das bleibt nicht folgenlos, wie Weingart in der vorliegenden Aufsatzsammlung detailliert darlegt. Er bezeichnet sie als Essays, um auszudrücken, dass er sie nicht ausschließlich für die akademische Fachgemeinde schrieb. Dennoch wird ein Nichtsoziologe zuweilen ein Fremdwörterbuch zur Hand nehmen müssen; ein Kapitel ist zudem auf Englisch. Den Gedanken des Autors zu folgen lohnt aber allemal. Er geht nicht nur auf die Wechselbeziehungen zwischen der Wissenschaft und den Medien ein, sondern ebenso auf die Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, der Politik beispielsweise oder der breiten Öffentlichkeit. Der Rolle der Wissenschaft in Spiel.
Ihnen widmet er sogar ein eigenes Kapitel. Ausgespart bleiben dagegen die Verstrickungen der Wissenschaft mit der Wirtschaft und der Industrie, die Weingart in "Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft" (Velbrück, 2001) ausführlich beschrieben hat.
Doch trotz aller Anstrengungen kann sich die Forschergilde nicht sicher sein, ob sich die Öffnung vorteilhaft für sie auswirkt. Zumindest, so argumentiert der Autor, gebe es keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie sich deren derzeitige mediale Präsenz in der Haltung der Öffentlichkeit zur Wissenschaft niederschlägt.
Die naive Erwartung, dass ein gesteigertes Interesse gleichzeitig Vertrauen schaffe, widerlegt Weingart kurzerhand mit Untersuchungen zur Gentechnik. Besonders beeindruckend beleuchtet der Verfasser die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Wissenschaft und Politik. Der Erkenntnis "Wissen ist Macht" hat die Forschung wohl ihre gesellschaftliche Stellung zu verdanken. Um ihre Entscheidungen in einer immer komplexer werdenden Welt zu legitimieren, greifen die Gesetzgeber zunehmend auf das Urteil von Experten zurück. Dies ist zwar kein Muss für eine Staatsmacht. Es ist aber kaum vorstellbar, dass sich eine demokratisch gewählte Regierung an der Macht halten kann, wenn sie bei einer Schlüsselfrage gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse einfach beiseite schiebt und sich stattdessen für einen erkennbar irrationalen Weg entscheidet.
Gleichwohl steht Wissenschaft für die Suche nach der (absoluten) Wahrheit, nicht für deren Besitz. Daher gibt es zu jeder Fachmeinung in der Regel eine Gegenposition. Dies machen sich Politiker gern zunutze, wie Weingart dezidiert am Beispiel des wissenschaftlichen Disputs um den Aidskonflikt in Südafrika beschreibt.
Auch wenn Weingarts neues Buch nicht ganz an "Die Stunde der Wahrheit?" heranreicht, lohnt die Lektüre. Sie vergegenwärtigt allen, die sich für Wissenschaft begeistern oder an ihr teilhaben, die enge Verbindung zu anderen gesellschaftlichen Gruppen und hilft darüber hinaus, sich über die eigene Rolle Klarheit zu verschaffen.
Peter Weingart
Die Wissenschaft der Öffentlichkeit
Essays zum Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit
VELBRÜCK
ISBN: 3934730035