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rezensionen

Archiv für: März 2006

14.03.06

Wissenschaft mit Kick


von John Wesson
Wie brachten Kaltz & Co. ihre Bananenflanken zustande? Hat Oliver Kahn beim Elfmeter höhere Chancen als beim Münzwurf? Wie spielt man einen "tödlichen Pass", und stellt die beste Mannschaft einer Saison am Ende auch den Meister? Fragen über Fragen, deren Klärung sich John Wesson angenommen hat, emeritierter Physiker aus dem Mutterland des Fußballs. Selbst begeisterter Fußballspieler, liefert Wesson in seinem Buch überraschende Erkenntnisse - und bringt ganz nebenbei die mathematisch-physikalischen Muckis seiner Leser in Form.

John Wesson
Wissenschaft mit Kick
Spektrum Akademischer Verlag, 2005

08.03.06

Skurrile Quantenwelt


Jungautorin erklärt die Teilchenphysik

„Von einem jungen Ausnahmetalent noch vor dem Abitur verfasst, eröffnet diese Einführung in die Prinzipien der Quantenphysik einen tieferen Einblick in die Welt des Mikrokosmos als so manches populärwissenschaftliche Buch. Das Niveau des Buches liegt genau zwischen der sehr oberflächlichen und formelfreien populärwissenschaftlichen Literatur und der allzu hochgestochenen, von höherer Mathematik gespickten Studienliteratur.“ Verlagstext

Silvia Arroyo Camejo wird derzeit als das Wunderkind der deutschen Fachbuch-Szene gehandelt. Kurz vor dem Abitur hat die inzwischen 20-Jährige ein 250-seitiges Buch über Quantenphysik abgeschlossen, das diese Woche im renommierten Wissenschaftsverlag Springer erscheint: eine Einführung in die skurrile Welt der Teilchenphysik mit all ihren Rätseln, Paradoxien und scheinbaren Verstößen gegen die Gesetze des gesunden Menschenverstands.

Mit 12 habe sie begonnen, sich Fragen über die Welt und den Kosmos zu stellen, die ihr niemand beantworten konnte, erzählt die Autorin in einem Interview mit der Berliner Zeitung: „Ich wollte einfach wissen, wie das alles funktioniert.“ Angefangen mit Was-ist-Was-Büchern, dann mit populärwissenschaftlicher Literatur, später mit Fachbüchern über Quantenphysik erlas sich der Physikbegeisterte Teenager ein beachtliches Wissen über ein doch eher sperriges Themenfeld. Mit 17 entschied sie ihr gesammeltes Wissen in einem dreibändigen Werk festzuhalten: ein Buch zur Quantenphysik, eins über Elementarteilchen und eins zur Kosmologie. Jeden Tag schrieb sie – allerdings zunächst nur für sich selbst.

Als das Buch über Quantenphysik fertig war, kam ihr die Idee, es von einem Fachmann beurteilen zu lassen. Sie schickte das Manuskript an den Heidelberger Quantenphysiker Hans Dieter Zeh – und der war so begeistert, dass er es gleich dem Springer-Verlag empfahl.

Silvia Arroyo Camejo
"Skurrile Quantenwelt"
Springer 2006
ISBN 3-540-29720-0

06.03.06

Die Wissenschaft der Öffentlichkeit


Essays zum Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit

(Spektrum der Wissenschaft 3/2006)
Wissenschaft genießt in den Medien eine wachsende Aufmerksamkeit, zu erkennen an der Vielzahl der Magazine und Sendereihen, die rings um dieses Thema hervorsprießen. Auf der anderen Seite suchen die Wissenschaftler verstärkt den Kontakt zu den Medien, weil ihnen seit geraumer Zeit ein Wind der Veränderung ins Gesicht bläst.

Nach Ansicht von Peter Weingart, Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld, bröckeln die althergebrachten Züge des akademischen Stands. Konnten Naturforscher in vergangenen Zeiten in der Abgeschiedenheit ihrer Labore oder Denkerstuben relativ ungestört von der breiten Öffentlichkeit Neues ersinnen, fordert die demokratisch geprägte Gesellschaft nunmehr frühzeitig Rechtfertigung und Effizienz für jegliches Handeln, also auch für wissenschaftliches.

Unterstützung findet die Allgemeinheit in der Politik. So rief Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn noch kurz vor Ende ihrer Amtszeit die Wissenschaft zur Aussprache mit der breiten Masse auf und verwies ausdrücklich auf die Initiative "Wissenschaft im Dialog". Die Wissenschaft, so Weingart, orientiert sich daher zunehmend an den Medien. Sie sollen als Mittler und "Multiplikatoren" für den Gedankenaustausch dienen. Daher schmückt sich heute jede Festveranstaltung einer renommierten Forschungsorganisation mit telegenen Moderatoren wie Ranga Yogeshwar oder Joachim Bublath.

Das bleibt nicht folgenlos, wie Weingart in der vorliegenden Aufsatzsammlung detailliert darlegt. Er bezeichnet sie als Essays, um auszudrücken, dass er sie nicht ausschließlich für die akademische Fachgemeinde schrieb. Dennoch wird ein Nichtsoziologe zuweilen ein Fremdwörterbuch zur Hand nehmen müssen; ein Kapitel ist zudem auf Englisch. Den Gedanken des Autors zu folgen lohnt aber allemal. Er geht nicht nur auf die Wechselbeziehungen zwischen der Wissenschaft und den Medien ein, sondern ebenso auf die Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, der Politik beispielsweise oder der breiten Öffentlichkeit. Der Rolle der Wissenschaft in Spiel.

Ihnen widmet er sogar ein eigenes Kapitel. Ausgespart bleiben dagegen die Verstrickungen der Wissenschaft mit der Wirtschaft und der Industrie, die Weingart in "Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft" (Velbrück, 2001) ausführlich beschrieben hat.

Doch trotz aller Anstrengungen kann sich die Forschergilde nicht sicher sein, ob sich die Öffnung vorteilhaft für sie auswirkt. Zumindest, so argumentiert der Autor, gebe es keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie sich deren derzeitige mediale Präsenz in der Haltung der Öffentlichkeit zur Wissenschaft niederschlägt.

Die naive Erwartung, dass ein gesteigertes Interesse gleichzeitig Vertrauen schaffe, widerlegt Weingart kurzerhand mit Untersuchungen zur Gentechnik. Besonders beeindruckend beleuchtet der Verfasser die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Wissenschaft und Politik. Der Erkenntnis "Wissen ist Macht" hat die Forschung wohl ihre gesellschaftliche Stellung zu verdanken. Um ihre Entscheidungen in einer immer komplexer werdenden Welt zu legitimieren, greifen die Gesetzgeber zunehmend auf das Urteil von Experten zurück. Dies ist zwar kein Muss für eine Staatsmacht. Es ist aber kaum vorstellbar, dass sich eine demokratisch gewählte Regierung an der Macht halten kann, wenn sie bei einer Schlüsselfrage gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse einfach beiseite schiebt und sich stattdessen für einen erkennbar irrationalen Weg entscheidet.

Gleichwohl steht Wissenschaft für die Suche nach der (absoluten) Wahrheit, nicht für deren Besitz. Daher gibt es zu jeder Fachmeinung in der Regel eine Gegenposition. Dies machen sich Politiker gern zunutze, wie Weingart dezidiert am Beispiel des wissenschaftlichen Disputs um den Aidskonflikt in Südafrika beschreibt.

Auch wenn Weingarts neues Buch nicht ganz an "Die Stunde der Wahrheit?" heranreicht, lohnt die Lektüre. Sie vergegenwärtigt allen, die sich für Wissenschaft begeistern oder an ihr teilhaben, die enge Verbindung zu anderen gesellschaftlichen Gruppen und hilft darüber hinaus, sich über die eigene Rolle Klarheit zu verschaffen.

Peter Weingart
Die Wissenschaft der Öffentlichkeit
Essays zum Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit
VELBRÜCK
ISBN: 3934730035

03.03.06

Der Versuch, die Seele zu wiegen


Kein anderer Wissenschaftler berichtet so originell und zugleich fachlich gekonnt über die Physik der alltäglichen Dinge wie Len Fisher. Sein Buch "Reise zum Mittelpunkt des Frühstückseis" war ein Verkaufserfolg.

Im neuen Buch des Physikers, der an der Universität Bristol lehrt, geht es um bizarre Ideen aus der Wissenschaftsgeschichte, die oft den Spott der Zunft ernteten. Doch vieles scheinbar Verrückte brachte die Wissenschaft erst auf die Sprünge: etwa die Experimente des Physiologen Luigi Galvani, der Froschbeine mit Stromimpulsen zum Tanzen brachte und dabei die Bedeutung der Elektrizität in Nervenzellen entdeckte. Und Benjamin Franklins Abenteuer beim Drachensteigen im Gewitter trugen entscheidend zur Entwicklung von Blitzableitern bei.

Auch die Idee des amerikanischen Arztes Duncan Mac Dougall, Sterbende zu wiegen, um das Gewicht der Seele zu bemessen, sollte eine alte umstrittene Frage der Wissenschaft nach der Substanz der Seele beantworten. Schon Leonardo da Vinci hatte auf der Suche nach der Seele die Gehirne Verstorbener seziert.

Fisher macht wissenschaftliche Theorien auch für Laien lebendig, indem er beschreibt, wie sich das Denken der Forscher im Zuge Hunderter Experimente veränderte. Dabei gab es natürlich immer wieder Fehlschläge. Doch Fisher berichtet nicht nur von spektakulären Irrtümern anderer, sondern auch von Pannen aus dem eigenen Denklabor. Einen wirklich guten Forscher zeichne eben auch eine Portion Verrücktheit aus, lautet sein Credo.

Fisher ist inzwischen ein gefragter Gast in den Medien – nicht zuletzt wegen seiner skurrilen Forschungsprojekte, etwa der Untersuchung der optimalen Eintunkzeit von Keksen, für die er den satirischen Ig-Nobel-Preis erhielt. Seine Fähigkeit, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, gepaart mit einer überbordenden Experimentier- und Erzähllust sind das Erfolgsrezept für sein überaus lesenswertes Buch.

Len Fisher
Der Versuch, die Seele zu wiegen
und andere Sternstunden von Forschern und Fantasten
Verlag: Campus, Frankfurt 2005
ISBN: 3-593-37765-9

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