Darwins Erben in den Medien

Die Studie untersucht, wie die sogenannte Soziobiologie in der Wissenschaft und in den deutschen Medien im Verlauf der vergangenen drei Jahrzehnte kommuniziert wurde. Angestoßen durch das gleichnamige Buch von Edward O. Wilson, das im Sommer 1975 erschien, evozierte die Soziobiologie seit Mitte der 1970er Jahre eine anhaltende Kontroverse über die biologische, insbesondere über die genetische Deutung komplexer menschlicher Verhaltensweisen. In dem Begriff Soziobiologie verdichtete sich damit die umfassendere Natur-Kultur Debatte im ausgehenden 20. Jahrhundert. Der Ausgangspunkt und die wichtigste Forschungsmotivation für diese Studie war die Beobachtung einer aktuellen Konjunktur naturalistischer Deutungsmuster, die sich in verschiedenen inner- und außerwissenschaftlichen Bereichen, wie zum Beispiel in den Medien zeigt. Die vorliegende Arbeit analysiert nun erstmalig - im Rückblick über drei Jahrzehnte - wann und in welcher Form verschiedene wissenschaftliche und öffentliche Medien über die Soziobiologie und ihre Kontroverse berichteten.
Insgesamt zeigt die Studie damit einen außergewöhnlichen Fall von Wissenschaftskommunikation: Die auf theoretischer Ebene, insbesondere seitens der Kommunikationswissenschaften oft bemängelte "Fehlorientierung des Wissenschaftsjournalismus" an der Wissenschaft kann hier, im Fall der Soziobiologie, auf eindrückliche Weise widerlegt werden: Eine "Übersetzung" oder "Vermittlung" der wissenschaftlichen Ereignisse hat nur an wenigen, marginalen Stellen im Verlauf der 1970er und 1980er Jahre stattgefunden. Die intensive Berichterstattung über die Soziobiologie Ende der 1990er Jahre ist dagegen als Artefakt einer rein kulturell bestimmten Medienkultur zu verstehen, zu der keine Referenzen in der Wissenschaftsdiskussion zu finden sind. Der wissenschaftliche Diskurs zur Soziobiologie ist von den deutschen Medien damit letztlich so gut wie unbeachtet geblieben. Der Renaissance der Soziobiologie, die in Deutschland ca. zwanzig Jahre nach ihrer wissenschaftlichen Debatte einsetzte, wird in dieser Arbeit anhand detaillierter empirischer Analysen nachgegangen.
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